Was haben Krebspatient:innen und Astronaut:innen gemeinsam?

Eine kürzlich erschienene US-amerikanische Publikation verglich die Anpassungen und Herausforderungen, denen Astronaut:innen vor, während und nach einer Weltraummission begegnen, mit den Schwierigkeiten und körperlichen Belastungen, die Krebspatient:innen während und nach der Chemotherapie sowie anderen Krebstherapien erleben.

Astronaut:innen und Krebspatient:innen: unterschiedlich, aber mit Gemeinsamkeiten

Weltraummissionen und Krebstherapien: zwei völlig unterschiedliche Erfahrungen – und doch gibt es viele Parallelen. So viele, dass das Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York gemeinsam mit der NASA und dem US-amerikanischen National Cancer Institute eine wissenschaftliche Studie durchführte. Ziel der Studie war es, die Gemeinsamkeiten zwischen Krebspatient:innen in Therapie und Astronaut:innen auf Mission zu untersuchen. Dabei wurde ein deutlicher Rückgang von Knochen- und Muskelmasse sowie ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen in beiden Gruppen festgestellt. [1]

Doch damit enden die Gemeinsamkeiten noch nicht. Auch die sogenannte Brain Fog (auf Deutsch oft als „vernebeltes Gehirn“ übersetzt) tritt bei beiden Gruppen auf [1]. Dabei handelt es sich um ein multifaktorielles neurophysiologisches Phänomen – das heißt, verschiedene Faktoren greifen ineinander und führen zu einer verminderten kognitiven Leistungsfähigkeit. Dazu zählen beispielsweise Krebstherapien und biologische Prozesse, die direkt mit der Erkrankung zusammenhängen. Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis und die Fähigkeit zur Impulskontrolle gehören zu den wichtigsten betroffenen kognitiven Funktionen – essenziell für logisches Denken und Problemlösung. Diese kognitive Beeinträchtigung bei Krebspatient:innen wurde bereits in einem anderen Artikel besprochen; alternative Begriffe sind „Chemobrain“ oder fachlich korrekt „cancer-related cognitive impairment“ [2]. Bei Astronaut:innen spricht man hingegen von Space Fog – einer kognitiven Einschränkung, die häufig nach der Rückkehr aus dem All beobachtet wird [1].

Ähnliche Schwierigkeiten, unterschiedliche Lösungen

Trotz dieser Parallelen unterscheiden sich die Strategien zur Bewältigung der jeweiligen Herausforderungen deutlich. Vor einer Weltraummission durchlaufen Astronaut:innen personalisierte Trainingsprogramme unter Anleitung spezialisierter Trainer:innen. Ziel dieser Programme ist es, die kardiovaskuläre Fitness, Muskelkraft und andere entscheidende Parameter zu verbessern – damit die Mission ohne schwerwiegende gesundheitliche Folgen bewältigt werden kann. Dieses Training beginnt bereits Monate vor dem Start und wird auch während der Mission mithilfe spezieller Geräte für die Schwerelosigkeit an Bord der Raumstation fortgeführt. Nach der Rückkehr setzen die Astronaut:innen das Training monatelang fort, bis sie wieder den Gesundheitszustand vor der Mission erreicht haben [1].

Für Krebspatient:innen hingegen sind personalisierte Trainingsprogramme vor, während und nach der Therapie noch nicht Standard. In den letzten Jahrzehnten wurden erhebliche Fortschritte bei zielgerichteten und wirksamen Krebstherapien erzielt, wodurch die Überlebensraten bei vielen Krebsarten deutlich gestiegen sind. Diese Behandlungen bringen jedoch Nebenwirkungen mit sich, wie zuvor beschrieben, die das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen können. Genau wie bei Astronaut:innen zeigt sich aber: Personalisierte körperliche Aktivität ist eine wirksame Methode, um diesen Nebenwirkungen entgegenzuwirken und die Lebensqualität der Patient:innen zu verbessern.

Bewegung vor, während und nach der Krebstherapie

Gezielte Interventionen vor, während und nach einer Krebstherapie sind entscheidend, um Patient:innen bei der Bewältigung der negativen Folgen der Behandlung zu unterstützen. Körperliche Aktivität ist eine kostengünstige, wirksame, effiziente und potenziell für alle zugängliche Lösung. So wie NASA-Astronaut:innen von betreutem, individuellem Training profitieren, könnte dies auch fester Bestandteil der gesamten Patientenreise werden. Konkret:

  • Vor der Krebstherapie: Ziel ist es, die allgemeine körperliche Fitness zu verbessern, um den Körper optimal auf die Behandlung vorzubereiten. Dieses Konzept entspricht dem Modell der Prähabilitation, das wir in einem früheren Artikel erläutert haben [3].
  • Während der Therapie: Hier steht die Linderung der Nebenwirkungen und der Toxizität im Fokus.
  • Nach der Therapie: Die körperliche Aktivität dient der Wiederherstellung des Gesundheitszustands vor der Diagnose und der Verbesserung der Lebensqualität.

Wissenschaftliche Studien zeigen, dass sich die Trainingskonzepte der NASA-Astronaut:innen als Inspiration für onkologische Trainingsprogramme eignen. Die sogenannte Exercise Oncology (Sport in der Onkologie) hat sich in den letzten Jahrzehnten stark weiterentwickelt. Heute gibt es offizielle Leitlinien, die genau beschreiben, wie, wann und wie viel trainiert werden sollte – abhängig von den individuellen Nebenwirkungen der Behandlung. Grundlage ist das sogenannte FITT-Prinzip der Trainingslehre [4]:

  • Frequency (Häufigkeit): Wie oft wird pro Woche trainiert?
  • Intensity (Intensität): Wie anstrengend ist das Training?
  • Type (Art): Welche Bewegungsform wird ausgeübt?
  • Time (Dauer): Wie lange dauert die Trainingseinheit?

Erste Erkenntnisse und zukünftige Entwicklungen

Erste wissenschaftliche Belege zeigen, dass Bewegung nicht nur den Allgemeinzustand verbessert, sondern auch Tumormasse, Gefäßbildung und Wachstum beeinflussen kann [4]. Immer mehr Forscher:innen widmen sich der Frage, wie Bewegung die Biologie und Morphologie von Tumoren verändert. Eine aktuelle Studie des MD Anderson Cancer Center in Houston (Texas), die im vergangenen September in Nature veröffentlicht wurde, zeigt: Ein kombiniertes Ausdauer- und Krafttraining während der neoadjuvanten Chemotherapie (vor einer Operation) bei Patient:innen mit Bauchspeicheldrüsenkrebs kann die Tumorgefäße positiv beeinflussen – was wiederum die Wirksamkeit der Chemotherapie verbessern kann [5]. Künftige Studien werden sich vermehrt mit dem Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und Krebs beschäftigen.

Krebspatient:innen und ihre Weltraummission

Der Erfolg einer Weltraummission hängt maßgeblich von der körperlichen Verfassung der Astronaut:innen ab – je fitter sie sind, desto größer die Erfolgsaussichten. Genauso hängt der Erfolg der Krebstherapie vom gesundheitlichen Zustand der Patient:innen ab – je besser ihre Fitness vor der „Mission“, desto besser die Therapieergebnisse und die Lebensqualität. Während und nach der Mission trainieren Astronaut:innen konsequent weiter, um Erfolg sicherzustellen. Auch Krebspatient:innen sollten dieser Logik folgen: Bewegung während und nach der Therapie kann den „Erfolg ihrer Mission Leben“ maßgeblich beeinflussen – nicht nur in Bezug auf Lebensjahre, sondern auch auf Lebensqualität.

Deshalb müssen wir der körperlichen Fitness von Krebspatient:innen genauso viel Aufmerksamkeit schenken wie der von Astronaut:innen. Bewegung kann ein mächtiger Verbündeter sein – nicht nur für Patient:innen, sondern auch für Ärzt:innen. Doch wenn körperliche Aktivität nicht implementiert wird, bleibt dieses Potenzial ungenutzt. Glücklicherweise gibt es auch in Italien erste Initiativen, die Bewegung und Krebstherapie verbinden. Es wird noch viele Jahre dauern, bis alle Krebspatient:innen systematisch auf ihre „Mission“ vorbereitet und über den gesamten Verlauf begleitet werden. Doch der wichtigste Schritt ist getan: Der Anfang ist gemacht. Die Leitlinien sind da – jetzt müssen wir sie nur noch umsetzen!